Wie lange muss ich das jetzt üben?

Ein Bild, welches sich wöchentlich auf allen Hundeplätzen in Deutschland oder bei Hundetrainern abspielt: Ein Hundehalter möchte ein Fehlverhalten des Hundes erläutert bekommen und möchte Übungen an die Hand bekommen, mit dem dieses Fehlverhalten abgebaut werden kann. So geschieht es bei mir auch fast täglich auf unserem Trainingsgelände: Eine Hundehalterin kommt mit ihrem 3jährigen Labrador-Mädel zu unserem Termin, da sie an der Leinenführigkeit ihrer Labbi-Hündin arbeiten muss. Muss - ja, denn die Hündin hat jetzt solch einen starken Leinenzug im alltäglichen Spaziergang, dass die Halterin chriopraktische Hilfe in den Schultern benötigt und dies jetzt endlich ein Ende haben soll. Ich bin zum ersten mal sprachlos. Nun denn... nach anfänglichem Kennenlernen mit einem informativen Gespräch schaue ich mir die Leinenführung an und bin sehr überrascht, dass Hund und Halter an der Leine überhaupt nicht klar kommen. In einer bestimmten Körperhaltung (linker Arm angewinkelt, Leine in der rechten Hand und in schnellen Schritten und vielen anfänglichen Diskussionen und Zisch-Geräuschen "funktioniert" die Hündin sehr gut! Denn: dieses Mensch-Hund-Team hat die Begleithundeprüfung in einer jagdlichen Hundeschule mit Bravour ein halbes Jahr zuvor abgelegt! Jedoch ist davon im Alltag nichts zu erkennen. Ein Mensch-Hund-Team mit fast 3jähriger Hundeschulerfahrung und 1 mal wöchentlichem Training in einer gut besuchten Hundeschule und die beiden sind im Alltag nicht 'miteinander' unterwegs? Wieder bin ich sprachlos... aber diese Mensch-Hund-Teams gibt es häufiger als man denkt. Die Halterin findet meine Bemerkung über die mangelnde Zusammengehörigkeit an der Leine ausserhalb des Trainingsgeländes mehr wie merkwürdig, denn sie trainiert doch wöchentlich und wollte nur einen kurzen Rat, wie die Leinenführung endlich schnell in den Einklang kommt, da ihr Arzt ihr dazu geraten hat! Ich bin wieder sprachlos! Wir besprechen die Gründe für die nicht vorhandene Leinenführigkeit und sie folgt siegessicher den Übungsschritten und die Leine ist endlich locker durchhängend und beide können minutenlang 'normal' spazieren gehen. Wir wiederholen die Trainingsschritte und ich erläutere ihr alle Wege und Gründe für die alltäglichen Übungen. Und dann kommen die Worte, welche ich bis heute nicht verstehe: "Wie oft muss ich das jetzt üben?" Ich bin wieder sprachlos. Meine Erläuterung, warum dies keine Übung ist und dieses jetzt ihr Alltag sein wird bis sie beide dieses nicht mehr als Training, sondern als normaler Spaziergang ansehen, macht nun die Hundehalterin sprachlos: "Sie meinen, die Hündin darf jetzt nie wieder an der Leine ziehen? Das weiss ich aber nicht, ob ich das kann......."

Wenn Sie meinen, dass diese kurze Episode eine frei erfundene ist, und sie sich kopfschüttelnd darüber amüsieren dann kann ich nur sagen: Nein, dies ist Tatsache und eine reelle Trainingsstunde. Hundehalter meinen, wenn sie einmal in der Woche zum Hundeplatz fahren, Hundeschulprüfungen abgelegt haben oder im Wald mit Hundegruppen und Trainern trainieren, dann sind die Erziehungen bald nur nebensächlich. Für Hundeschulübungen und Prüfungen wird trainiert aber im Alltag werden alle Übungen fallen gelassen. Und wenn ich dies anspreche, bin ich in deren Augen "schwierig, kompliziert und kenne GENAU DIESEN Hund nicht sooo gut - denn sonst würde ich ja sehen, was dieser Hund tolles kann." Nun - ich glaube sehr wohl, dass diese Hunde ganz tolle und nette Hunde sind - aber die Hundehalter vergessen oft, dass das Training mit Hundetrainern sowie Vereinstrainern, Verhaltensberatern, Aggressionstrainern, Markertrainern, etc. tatsächlich nicht nur Übungen sondern deren Alltag werden soll. In meinen Augen: Geübt wird nur, wenn der Hund über einen Baumstamm balancieren, Dummys aufnehmen soll, durch einen Tunnel durchlaufen oder über Hürden springen soll - der "alltägliche, klitzekleine und doch wahrlich kaum anzusprechende, spasslose und langweilige REST" ist wahrlich KEINE Übung, sondern genau das, was die Mensch-Hund-Beziehung ausmacht. Also: TÄGLICH und IMMER! In diesem Sinne: Auf zu einer tollen Mensch-Hund-Bindung! Es lohnt sich, täglich dran zu bleiben!